Die Jugend ist hin- und hergerissen zwischen Heimatland und Exil
Tibeter
finden eine Zuflucht im indischen Dharamsala.
Sie hoffen dennoch auf eine Rückkehr in ihre Heimat
Es scheint ein
ganz normaler Auftritt zu sein: Jigme steht auf der Bühne, die
Gitarre in der Hand, den Mund ganz dicht am Mikrofon, die Augen
geschlossen. Sein Fuß wippt im Takt der Musik, so wie seine
schulterlangen, schwarzen, glatten Haare. Sein Bruder Ingsel hat
sich zwischen den Trommeln des Schlagzeuges verschanzt, seine
Schirmkappe sitzt fest auf seinem Schopf. Er wirbelt die Drumsticks
durch die Luft. Jamyang, der Älteste, hat mehr Rhythmus im Blut, er
schwenkt den Kopf seiner Bassgitarre und dreht Pirouetten auf der Bühne.
Dennoch wirken die drei Brüder nicht wie eine übliche Band. Über
ihren Jeans und T-Shirts tragen sie wallende, weiße Gewänder,
deren Krägen mit aufwändigen Goldfäden bestickt sind –
traditionelle tibetische Kluft. „We are in exile!“, dröhnt es
aus den Verstärkern. Jigme, Jamyang und Ingsel sind „JJI Exile
Brothers“, eine tibetische Rockband, die im indischen Exil lebt.
Sie gehören zu einer Generation von Tibetern, die ihr Heimatland
noch nie gesehen haben, das für sie so süß wie ein Stück Kuchen
scheint. „Ein Stück Kuchen, das wir aber nicht haben können“,
seufzt Jigme mit einem leicht verlegenen Lächeln auf den Lippen.
Wunsch nach Heimkehr
Ungefähr 85.000 Tibeter sind seit dem Jahr 1959 gemeinsam mit dem
Dalai Lama aus dem tibetischen Hochland ins angrenzende Dharamsala
und Rest-Indien geflohen, um sich vor den Repressionen der Armee des
kommunistischen Chinas in Sicherheit zu bringen. Dort haben sie sich
eine zweite Heimat in der Stadt McLeod Ganj aufgebaut. „Viele
Menschen kommen dort hin, um den Dalai Lama zu sehen“, sagt Neema,
die Mutter und Managerin der drei Exil-Rocker, „deswegen nennen
sie es auch ‚Little Lhasa’, nach der Hauptstadt Tibets.“ Sie
selbst wurde in Lhasa geboren, musste aber schon als Säugling mit
ihren Eltern fliehen. „Ich möchte wieder dorthin zurückkehren“,
lautet ihr größter Wunsch. Viele warten wie sie noch immer auf
eine Rückkehr - mittlerweile schon seit fast fünfzig Jahren. Die
Aussichten, dass ihr Wunsch in Erfüllung geht, sind im Moment mehr
als gering. Nach den blutig niedergeschlagenen Protesten am 10. März
spricht zwar die ganze Welt über Tibet, aber Chinas Führung bewegt
sich dennoch keinen Millimeter. Tibet sei ein Teil Chinas und wird
es immer bleiben. „Uns wurde gelehrt immer positiv zu denken“,
begründet Nyima ihr Durchhaltevermögen.
Bürde des Erbes
In der Brust der drei Brüder schlagen inzwischen zwei Herzen. Ihr
Geburtsort ist Dharamsala, ihre Freunde, ihre Familie sind dort, ihr
Leben spielt sich im indischen Exil ab. Trotzdem wollen sie zurück
in das Land, das sie nur aus Erzählungen kennen. Erzählungen aus
einer längst vergangenen Zeit: „Mein Großvater hat mir immer von
den Pferden erzählt, die er geritten hat“, schildert Jigme eine
der Geschichten, „man könnte sagen, dass mein Motorrad jetzt mein
Pferd ist“, beugt er sich vor und lacht. Die Jüngsten der
Exil-Tibeter sind nicht nur Getriebene zwischen Ländern, sondern
auch zwischen den Generationen. Sie tragen die Bürde, die Werte des
tibetischen Volkes repräsentieren zu müssen. „Ich will wie ein
Rockstar leben, Geld und Frauen haben“, lacht Jigme, wird aber im
nächsten Moment ernst: „Andererseits sind wir Tibeter als höflich
und freundlich bekannt. Wir müssen dieses Erbe hochhalten. Das ist
für mich eine ziemliche Last auf meinen Schultern.“
Stillschweigende Vereinbarung
In einem Land wie Indien, mit fast einer Milliarde Einwohnern,
fallen 100.000 Exilanten nicht weiter ins Gewicht. Trotzdem muss die
indische Regierung vorsichtig agieren, um den großen Nachbarn China
nicht vor den Kopf zu stoßen. Die indische Bevölkerung unterstütze
die Tibeter sehr stark, sagt Neema, „während der Unruhen im März
gab es sogar Hungerstreiks, an denen sich Tibeter und Inder
beteiligten.“ Der Teil Indiens, der die Leidensgeschichte der
Exil-Tibeter kennt, solidarisiert sich auch mit ihnen. Politisch
sieht das jedoch anders aus: Während des olympischen Fackellaufs
durch Indien kam es bei Protesten zu Festnahmen und Inhaftierungen
von Tibetern. „Wir haben hier ein rotes Band“, sagt Jigme und fährt
sich dabei mit einer sachten Handbewegung über den Hals. Weil sie
hier geboren sind, dürfen sie nicht reden und kritisieren. Man möchte
anscheinend nicht undankbar erscheinen. Es wirkt wie eine
stillschweigende Vereinbarung. Deswegen kritisiert der Dalai Lama
etwa nicht, dass sich der indische Premierminister Manmohan Singh
dieses Jahr mit der chinesischen Führung getroffen hat – zur
Vertiefung der wirtschaftlichen Beziehungen.
Trotzdem sind „JJI Exile Brothers“ weiterhin entschlossen ihren
Kampf fortzuführen. Nach ihrem Aufenthalt in Europa geht es sogar
in die USA, wo sie ihre Mischung aus tibetischer Folklore und
Sechzigerjahre Rock darbieten möchten. „Die Menschen in Tibet können
nicht selbst für ihre Freiheit kämpfen“, sagt Jigme und streicht
sich dabei durch seine Haare, „deswegen müssen wir das
ausgleichen und ihnen durch unsere Musik helfen.“
Christian
Schwarz
Fotos: Marina Wetzlmaier